
ORTHODOXE
SPIRITUALITÄT
Metropolit
Hierotheos (Vlachos) von Nafpaktos:
Eine kurze Einführung


I.
Orthodoxe Spiritualität – Klärung des Begriffs
Es ist zunächst
notwendig, die Begriffe „orthodox“ und „Spiritualität“ zu definieren.
Wir können nicht über orthodoxe Spiritualität sprechen, solange wir nicht
genau wissen, was wir unter diesen beiden Begriffen verstehen. Genau dies haben
die Heiligen Väter der Kirche vollbracht. Der hl. Johannes Damaskenos
analysiert in seinem außerordentlichen Buch „Die Quelle des Wissens“ und
insbesondere in den Abschnitten unter dem Titel „Philosophische Kapitel“ die
Bedeutung dieser Wörter: Substanz, Natur, Hypostase, Person usw. Da diese
Begriffe in anderen Zusammenhängen verschieden definiert werden können, erklärt
er, aus welchem Grund er bestimmte Definitionen verwendet.
Das
Adjektiv „orthodox“ kommt vom Substantiv „Orthodoxie“ und zeigt den
Unterschied zwischen der Orthodoxen Kirche und jedem anderen christlichen
Bekenntnis. Das Wort „Orthodoxie“ bezeichnet – nach der Definition des hl.
Athanasios vom Sinai – die wahre Kenntnis über Gott und die Schöpfung.
Der
Begriff Orthodoxie besteht aus zwei Wörtern: „orthos“ (wahr, richtig) und
„doxa“. „Doxa“ bedeutet einerseits „Glauben, Treue, Lehre“ und
andererseits „Lobpreis“ oder „Verherrlichung“ (Doxologie)“. Diese
beiden Bedeutungen sind eng miteinander verbunden. Die wahre Lehre über Gott
beinhaltet den wahren Lobpreis Gottes; denn wäre Gott abstrakt [nicht
personal], so wäre auch das Gebet zu diesem Gott abstrakt [unpersönlich]. Da
Gott aber personal ist, nimmt das Gebet einen persönlichen Charakter an. Gott
hat den wahren Glauben und die wahre Lehre offenbart. Daher sagen wir, daß die
Lehre über Gott und alle mit der Rettung des Menschen verbundenen Dinge von
Gott offenbart wurden – und nicht vom Menschen entdeckt.
Gott
hat den Menschen diese Wahrheit in Offenbarungen vermittelt, jenen, die zu ihrem
Empfang vorbereitet waren. Der Apostel Judas bringt dies sehr klar mit den
Worten zum Ausdruck: Kämpft für den überlieferten Glauben, der den
Heiligen ein für allemal anvertraut ist (Judas 3). Aus diesem Zitat wie aus
vielen anderen verwandten Stellen wird klar, daß Gott Sich
Selbst den Heiligen offenbart, d. h. denjenigen, die ein gewisses Niveau des
spirituellen Wachstums erreicht haben, um diese Offenbarung zu empfangen. Die
heiligen Apostel wurden zuerst „geheilt“, dann empfingen sie die
Offenbarung. Und sie vermittelten das Offenbarte ihren geistlichen Kindern nicht
nur durch ihre Lehren, sondern vor allem dadurch, daß sie auf verborgene Weise
deren spirituelle Wiedergeburt bewirkten. Um der Bewahrung dieses Glaubens
willen formulierten die Heiligen Väter die Dogmen und Lehren. Wir akzeptieren
die Dogmen und Lehren; mit anderen Worten, wir akzeptieren den offenbarten
Glauben und bleiben in der Kirche, um geheilt zu werden. Denn der Glaube ist
einerseits Offenbarung für die Geläuterten und Geheilten und andererseits der
rechte Pfad für diejenigen, die dem „Weg“ folgen, um theosis (Vergöttlichung)
zu erlangen.
Das
Wort „Spiritualität“ (pnevmatikotis) kommt von „spirituell“ (gr.
pnevmatikōs). Somit ist Spiritualität der Zustand des geistlichen
Menschen. Der geistliche Mensch verfügt über bestimmte Verhaltensweisen und
eine bestimmte Mentalität. Er handelt auf andere Weise als die
nicht-spirituellen Menschen.
Die
Spiritualität der Orthodoxen Kirche führt jedoch nicht zu einem abstrakten
religiösen Leben; noch ist sie die Frucht der inneren Stärke des Menschen.
Spiritualität ist nicht ein abstraktes religiöses Leben, da die Kirche der Leib
Christi ist. Sie ist nicht einfach eine Religion, die auf theoretische Weise
an Gott glaubt. Die Zweite Person der Heiligen Dreiheit – der Logos Gottes –
nahm die menschliche Natur für uns an. Er vereinigte sie mit Seiner Hypostase
und wurde das Haupt der Kirche.
Somit
ist die Kirche der Leib des Gottmenschen: der Leib Christi. Außerdem ist die
Spiritualität nicht eine Erscheinungsweise der seelischen Energien wie z. B.
die Vernunft oder die Gefühle. Es ist wichtig, dies festzuhalten, denn viele
Menschen neigen dazu, einen Menschen als spirituell [bzw. geistig] zu
bezeichnen, der seine rationalen Fähigkeiten kultiviert: als Wissenschaftler, Künstler,
Schauspieler usw. Diese Deutung wird von der Orthodoxen Kirche nicht akzeptiert.
Gewiß sind wir nicht gegen Wissenschaftler, Dichter usw., aber wir können sie
nicht als spirituelle Menschen im strikten orthodoxen Wortsinn bezeichnen.
In
der Lehre des Apostels Paulus wird der spirituelle Mensch klar vom „Menschen
der Seele“ unterschieden. Spirituell ist der Mensch, der die Energie des
Heiligen Geistes in sich hat. Der Mensch der Seele ist hingegen jener, der zwar
über Körper und Seele verfügt, jedoch den Heiligen Geist nicht erworben hat,
der der Seele das Leben spendet. Der natürliche [gr. psychikos,
d. h. seelische] Mensch aber
vernimmt nichts vom Geiste Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht
erkennen; denn es muß geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber
beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. (1 Kor 2,14-15)
In
demselben Brief unterscheidet der Apostel Paulus zwischen dem geistlichen
Menschen und dem Menschen des Fleisches. Der Mensch des Fleisches ist derjenige,
der den Heiligen Geist nicht in seinem Herzen hat, jedoch all die anderen
psychosomatischen Funktionen des menschlichen Wesens beibehält. Daher bezieht
sich der Ausdruck „Mensch des Fleisches“ offensichtlich nicht auf den Körper,
sondern auf den Menschen der Seele, der den Heiligen Geist nicht in sich trägt
und aus seinem sogenannten „psychobiologischen“ Selbst heraus handelt. Und
ich, liebe Brüder, konnte nicht zu euch reden wie zu geistlichen Menschen, sondern
wie zu fleischlichen, wie zu unmündigen Kindern in Christo. Milch habe ich euch
zu trinken gegeben und nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht
vertragen. Auch jetzt könnt ihr’s noch nicht, weil ihr noch fleischlich seid.
Denn wenn Eifersucht und Zank unter euch sind, seid ihr dann nicht fleischlich
und lebt nach Menschenweise? (1 Kor 3,1-3)
Wenn
wir die obenerwähnten Stellen mit jenen kombinieren, die sich darauf beziehen,
daß der Christ mittels der Gnade [als Kind Gottes] adoptiert wird, stellen wir
fest, daß gemäß dem Apostel Paulus der geistliche Mensch jener ist, der durch
die Gnade Sohn Gottes geworden ist. So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem
Fleisch schuldig, daß wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem
Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die
Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben. Denn welche der Geist Gottes
treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist
empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müßtet; sondern ihr habt einen
kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, Vater! Der Geist Selbst
gibt Zeugnis unserem Geist, daß wir Gottes Kinder sind. (Röm 8,12-16)
Spirituell
ist der Mensch, welcher ein Zeuge des Heiligen Geistes in seinem Herzen ist, und
daher sich der Einwohnung des Heiligen Dreieinen Gottes sehr bewußt ist. Auf
diese Weise erkennt er, daß er Sohn Gottes der Gnade nach ist; und in seinem
Herzen ruft er daher „Abba, Vater!“ Gemäß dem Zeugnis der Heiligen ist
dieser im Herzen empfundene Ruf im wesentlichen das noetische Gebet oder das
Gebet des Herzens (Herzensgebet).
Der
hl. Basileios der Große lehrt – von Gott inspiriert – bei seiner
Untersuchung der Bedeutung dessen, wenn es heißt „der Mensch wird zum Tempel
des Heiligen Geistes“, daß der Mensch, der ein Tempel des Heiligen Geistes
ist, nicht von Versuchungen und stän-digen Sorgen beunruhigt wird; er sucht
Gott und hat Gemeinschaft mit Ihm. Es wird sehr deutlich, daß es sich bei dem
geistlichen Menschen um jenen handelt, der den Heiligen Geist in sich trägt,
und dies wird dadurch bestätigt, daß er sich ununterbrochen an Gott erinnert
[d. h. Gottes Gegenwart eingedenk ist].
Gemäß
dem hl. Gregor Palamas wird der Mensch, welcher mit Vernunft ausgestattet ist,
als vernünftig (rational) bezeichnet, und genauso wird jener, der mit dem
Heiligen Geist bereichert ist, geistlich (spirituell) genannt. Somit ist der
„neue Mensch“ spirituell; es ist der durch die Gnade des Allheiligsten
Geistes wieder lebendig gewordene Mensch.
Dieselbe
Ansicht wird von allen Heiligen Vätern vertreten. Der hl. Symeon der Neue
Theologe sagt beispielsweise, daß der umsichtige, nachsichtige, sanfte Mensch,
welcher betet und Gott schaut, „im Geiste wandelt“. Damit ist der
spirituelle Mensch vorzüglich beschrieben.
Wiederum
gemäß dem hl. Symeon dem Neuen Theologen wird der Mensch, dessen seelische
Bestandteile – der nous [das „Auge des Geistes“] und der
[rationale] Verstand – nicht „eingekleidet“ sind in das Bildnis Christi,
als ein Mensch des Fleisches betrachtet, denn er hat keinen Sinn für
spirituelle Herrlichkeit. Der Mensch des Fleisches ist wie der Blinde, der nicht
das Licht der Sonnenstrahlen erkennen kann. In der Tat wird er als blind und als
unlebendig betrachtet. Im Gegensatz dazu ist der geistliche Mensch, der an den
Energien des Heiligen Geistes teilhat, lebendig in Gott.
Wie
wir zuvor betont haben, macht die Gemeinschaft mit dem Allheiligen Geist den
Menschen des Fleisches geistlich. Aus diesem Grund ist der spirituelle Mensch in
seinem Wesen der Heilige. Dies ergibt sich mit Gewißheit daraus, daß
man denjenigen als einen Heiligen betrachtet, der in verschiedenen Graden an der
ungeschaffenen Gnade Gottes teilnimmt, und besonders an der vergöttlichenden
Energie Gottes.
Die
Heiligen sind Träger und Manifestationen der orthodoxen Spiritualität. Sie
leben in Gott und folglich sprechen sie über Ihn. In diesem Sinne ist die
orthodoxe Spiritualität nicht abstrakt, sondern sie verkörpert sich in der
Persönlichkeit der Heiligen. Daher sind die Heiligen nicht die „guten
Menschen“ – Moralisten im strikten Sinne des Wortes oder einfach jene, die
von Natur aus „gut“ sind –; sondern ein Heiliger ist derjenige, welcher
unter der Führung des Heiligen Geistes in seinem Innern lebt.
Wir
sind uns der Existenz der Heiligen an erster Stelle durch ihre orthodoxen
Lehren gewiß. Die Heiligen empfingen und empfangen nach wie vor die
Offenbarung Gottes; sie erfahren und formulieren sie. Sie sind das unfehlbare
Kriterium der Ökumenischen Synoden. Die zweite Vergewisserung ist die Existenz
der heiligen Reliquien der Heiligen. Die hl. Reliquien sind das Zeichen dafür,
daß die Gnade Gottes durch den nous auch den Körper verwandelt hat.
Folglich nehmen die Körper an den Energien des Allheiligsten Geistes teil.
Das
hauptsächliche Werk der Kirche besteht also darin, den Menschen zur theosis zu
führen – zur Gemeinschaft und Vereinigung mit Gott. Unter dieser
Voraussetzung können wir im gewissen Sinne sagen, das Werk der Kirche bestehe
darin, „Reliquien hervorzubringen“.
Daher
ist die orthodoxe Spiritualität die Erfahrung des Lebens in Christo, die
Atmosphäre des neuen Menschen, der durch die Gnade Gottes wiederbelebt wurde.
Innerhalb
dieses Rahmens können wir einige charakteristische Merkmale der orthodoxen
Spiritualität aufzeigen. Sie ist erstens auf Christus zentriert, denn Christus
ist aufgrund der hypostatischen Einheit der göttlichen und menschlichen Natur
in Seiner Person das einzige „Heilmittel“ für den Menschen. Zweitens ist
die orthodoxe Spiritualität auf die Heilige Dreiheit zentriert, denn Christus
ist immer mit dem Vater und dem Heiligen Geist vereinigt. Alle Sakramente werden
im Namen des Dreieinen Gottes durchgeführt. Christus, der das Haupt der Kirche
ist, kann nicht als außerhalb von ihr gedacht werden. Folglich ist orthodoxe
Spiritualität auch auf die Kirche zentriert, denn nur in der Kirche können wir
in die Gemeinschaft mit Christus kommen. Schließlich, wie später erläutert
wird, ist orthodoxe Spiritualität mystisch und asketisch.
II.
Der Unterschied zwischen orthodoxer Spiritualität und anderen Traditionen
Was
wir bis zu diesem Punkt gesagt haben, zeigt deutlich, daß sich die orthodoxe
Spiritualität von jeder anderen
„Spiritualität“ des westlichen oder östlichen Typs unterscheidet. Man kann
sie nicht mit den verschiedenen anderen Spiritualitäten verwechseln, denn die
Orthodoxie hat in ihrem Mittelpunkt Gott, während bei allen anderen der Mensch
im Mittelpunkt steht.
Dieser
Unterschied wird in erster Linie in der dogmatischen Lehre deutlich. Wir stellen
daher das Wort „orthodox“ vor das Wort „Kirche“, um sie so von jeder
anderen Religion zu unterscheiden. Gewiß muß „orthodox“ mit dem Begriff
„ekklesiastisch“ verbunden werden, denn Orthodoxie kann nicht außerhalb der
Kirche existieren; natürlich kann genausowenig die Kirche außerhalb der
Orthodoxie existieren.
Die
Dogmen sind die Ergebnisse von Entscheidungen, die hinsichtlich verschiedener
Dinge des Glaubens bei den Ökumenischen Konzilen getroffen wurden. Sie werden
als Dogmen bezeichnet, da sie Grenzen ziehen zwischen Wahrheit und Irrtum,
zwischen Krankheit und Gesundheit. Dogmen bringen die offenbarte Wahrheit zum
Ausdruck. Sie formulieren das Leben der Kirche. Daher sind sie einerseits
Ausdruck der Offenbarung und andererseits wirken sie als „Heilmittel“, um
uns zur Gemeinschaft mit Gott zu führen – zum Sinn unseres Daseins.
Dogmatische
Unterschiede gehen einher mit entsprechenden Unterschieden in der Therapie. Wenn
ein Mensch nicht dem „rechten Weg“ folgt, kann er sein Ziel nicht erreichen.
Wenn er nicht die richtigen „Heilmittel“ zu sich nimmt, kann er niemals die
Gesundheit erlangen; mit anderen Worten, er wird keinen therapeutischen Nutzen
daraus ziehen. Wenn wir die orthodoxe Spiritualität mit anderen christlichen
Traditionen vergleichen, wird der Unterschied in der Herangehensweise und in den
Therapiemethoden deutlich sichtbar.
Eine
grundlegende Lehre der Heiligen Väter besteht darin, daß die Kirche ein
„Krankenhaus“ ist, in dem der verwundete Mensch geheilt wird. In vielen
Passagen der Heiligen Schrift wird solche Sprache verwendet. Eine dieser Stellen
ist das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter: Dann kam ein Mann aus Samarien,
der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm, goß Öl
und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier,
brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am anderen Morgen holte er
zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr
für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme (Lk 10,33-35).
In
diesem Gleichnis stellt der Samariter Christus dar, der den verwundeten Menschen
heilt und ihn in die Herberge bringt, d. h. in das „Krankenhaus“ – die
Kirche. Es ist offensichtlich, daß Christus hier den Heiler repräsentiert, den
Arzt, der die Gebrechen der Menschen heilt; und die Kirche ist das wahre
Krankenhaus. Es ist sehr charakteristisch, daß der hl. Johannes Chrysostomos
diese Wahrheit in der Deutung des Gleichnisses besonders hervorhebt.
Das
Leben des Menschen „im Paradies“ war hinabgesunken in eine Lebensweise, die
vom Teufel und seinen Lügengebilden beherrscht wurde. Der Mensch, der unter
die Räuber fiel, bedeutet, daß er sich in der Hand des Teufels und all
seiner feindlichen Mächte befindet. Die Wunden, die der Mann erlitten hatte,
sind die verschiedenen Sünden, wie der Prophet Daniel sagt: Es stanken und
faulten meine Wunden angesichts meiner Torheit (Ps 37,6).
Denn „jede Sünde ist eine Entstellung und eine Wunde“. Der Samariter ist
Christus Selbst, der vom Himmel herabstieg, um den verwundeten Menschen zu
heilen. Er wandte Öl und Wein an, um die Wunden zu „behandeln“; mit anderen
Worten, durch „Vermischung Seines Blutes mit dem Heiligen Geist brachte er den
Menschen ins Leben“. Einer anderen Deutung gemäß entspricht das „Öl“
dem tröstenden Wort und der „Wein“ dem scharfen Wort. Miteinander vermischt
haben sie die Kraft, den zerstreuten Geist zu vereinigen. Er hob ihn auf sein
Reittier, bedeutet: Er nahm das menschliche Fleisch auf die „Schultern“
Seiner Gottheit und stieg in Menschengestalt auf zu Seinem Vater im Himmel.
Dann
bringt der Barmherzige Samariter – d. h. Christus – den Menschen in die prächtige,
wundervolle und geräumige Herberge: in die Kirche. Und Er übergibt den
Menschen dem Gastwirt, welcher der Apostel Paulus ist, und durch den Apostel
Paulus allen Bischöfen und Priestern, indem er spricht: „Kümmert euch um die
Heidenvölker, die Ich euch in der Kirche überantwortet habe. Sie leiden unter
der Krankheit, verwundet von der Sünde – daher spendet ihnen Heilung und
verwendet als Heilmittel die Worte der Propheten und die Lehren des Evangeliums;
macht sie gesund durch die Anweisungen und trostspendenden Worte des Alten und
Neuen Testaments.“ So ist also, gemäß dem hl. Johannes Chrysostomos, Paulus
derjenige, der die Kirche Gottes aufrechterhält, indem er „alle Völker heilt
durch seine geistlichen Unterweisungen und jedem von ihnen das anbietet, was sie
wirklich benötigen.“
In
dieser Deutung des Gleichnisses durch den hl. Johannes Chrysostomos wird klar
aufgezeigt, daß die Kirche ein Krankenhaus ist, das von der Sünde verwundete
Menschen heilt; und die Bischöfe und Priester sind die Therapeuten des Volkes
Gottes.
Und
genau dies ist die Arbeit der orthodoxen Theologie. Wenn wir von orthodoxer
Theologie sprechen, meinen wir nicht einfach einen bestimmten historischen Weg
der Theologie. Letzterer ist natürlich ein Teil davon, aber nicht absolut oder
ausschließlich. In der heiligväterlichen Tradition sind die Theologen die Gottschauenden.
Der hl. Gregor Palamas nennt Barlaam [der zu Anfang des 14. Jh. versuchte, in
Griechenland die westliche scholastische Theologie in die Orthodoxie einzuführen]
einen „Theologen“, aber er betont mit aller Deutlichkeit, daß sich seine
intellektuelle Theologie erheblich von der Erfahrung der Schau Gottes
unterscheidet.
Gemäß dem hl. Gregor Palamas sind die Theologen Gottschauende; jene, die der
„Methode“ der Kirche folgten und den vollkommenen Glauben, die Erleuchtung
des nous und die Vergöttlichung (theosis) erlangt haben.
Theologie ist die Frucht der Heilung des Menschen und der Pfad, der zur Heilung
und zur Erlangung der Kenntnis Gottes führt.
Die
westliche Theologie jedoch hat sich von der östlichen, orthodoxen Theologie
entfernt. Statt therapeutisch zu sein, ist sie vom Charakter her eher
intellektuell und emotional ausgerichtet. Im Westen entwickelte sich die
scholastische Theologie,
die der orthodoxen Tradition antithetisch gegenübersteht. Die westliche
Theologie basiert auf rationalem Denken, während die orthodoxe hesychastisch
[Ausdruck der hesychia, der „Stille des Geistes“] ist. Die
scholastische Theologie versucht, die Offenbarung Gottes logisch zu verstehen
und sie mit der philosophischen Methodik zu vereinbaren. Charakteristisch für
eine solche Vorgehensweise ist der Grundsatz des Anselm:
„Ich glaube, um zu erkennen [Credo, ut intelligam].“ Die Scholastiker gingen
von der Existenz Gottes aus und bemühten sich dann, Seine Existenz durch
logische Argumente und rationale Kategorien zu beweisen. In der Orthodoxen
Kirche ist – wie von den Heiligen Vätern zum Ausdruck gebracht – der Glaube
Gott Selbst, wie Er Sich dem Menschen offenbart. Wir empfangen den Glauben durch
Hören, das heißt aber nicht, daß wir ihn auf rationale Weise zu verstehen
vermögen, sondern daß wir unsere Herzen dadurch reinigen können, um
dann den Glauben durch theoria
zu erlangen und die Offenbarung Gottes zu erfahren.
Scholastische
Theologie erreichte ihren Höhepunkt in der Person des Thomas von Aquino [ca.
1225-1274], eines Heiligen der Römisch-katholischen Kirche. Er behauptete, daß
die christlichen Wahrheiten in natürliche und übernatürliche geteilt seien.
„Natürliche“ Wahrheiten könnten philosophisch bewiesen werden, wie die
Wahrheit der Existenz Gottes an sich. „Übernatürliche“ Wahrheiten – wie
Gott als Dreiheit, die Inkarnation des Logos, die Auferstehung der Körper – könnten
nicht philosophisch bewiesen, jedoch auch nicht widerlegt werden. Die Scholastik
verband die Theologie sehr eng mit der Philosophie und noch enger mit der
Metaphysik [von Aristoteles ausgehende Lehre von den Gründen und Zusammenhängen
des Seienden]. Als Folge davon veränderte sich der Glaube. Später geriet die
scholastische Philosophie in den Hintergrund, als das „Idol“ des Westens –
die Metaphysik – an Bedeutung verlor. Der Scholastik wird viel Schuld an der
tragischen Situation beigemessen, die im Westen in bezug auf den Glauben und die
Fragen des Glaubens entstanden ist.
Die
Heiligen Väter lehren, daß natürliche und metaphysische Kategorien nicht
existieren, sondern sie sprechen vom Geschaffenen und dem Ungeschaffenen. Die
Heiligen Väter akzeptierten niemals die Aristotelische Metaphysik. Aber ich möchte
dies hier nicht weiter ausführen. Die Theologen des Westens während des
Mittelalters hielten die scholastische Theologie für eine Weiterentwicklung der
Lehren der Heiligen Väter, und an diesem Punkt setzte die Lehre der Franken
ein, daß die scholastische Theologie der Theologie der Heiligen Väter der
Kirche überlegen sei. Sie glaubten auch, daß menschliche Erkenntnis, ein Sproß
der Vernunft, erhabener sei als die Offenbarung und Erfahrung.
Man
sollte den Konflikt zwischen dem hl. Gregor Palamas und Barlaam
innerhalb dieses Zusammenhangs sehen. Barlaam war vom Wesen her ein
scholastischer Theologe, der versuchte, dem ortho-doxen Osten die scholastische
Theologie zu vermitteln.
Barlaams
Ansichten – daß wir nicht wirklich wissen könnten, wer der Heilige Geist
genau sei (eine Ausgeburt davon ist der Agnostizismus), daß die alten
griechischen Philosophen den Propheten und den Aposteln überlegen seien (denn
die Vernunft sei der Schau der Apostel überlegen), daß das Licht der Verklärung
Christi etwas Geschaffenes sei und ungeschehen gemacht werden könne, daß die
hesychastische Lebensweise (d. h. die Reinigung des Herzens und das unablässige
noetische Gebet) nicht wichtig sei – sind Sichtweisen, die einen
scholastischen und folglich säkularisierten theologischen Standpunkt zum
Ausdruck bringen. Der hl. Gregor Palamas sah die Gefahr voraus, die diese
Ansichten für die Orthodoxie mit sich brachten und durch die Kraft des
Allheiligen Geistes und die Erfahrung, die er selbst als ein Nachfolger der
Heiligen Väter erlangt hatte, stellte er sich dieser großen Gefahr und
bewahrte unverändert den orthodoxen Glauben und die orthodoxe Tradition.
Nachdem
nun ein solcher Rahmen für das gegebene Thema gesteckt wurde, werden die
Unterschiede zwischen der Orthodoxie gegenüber dem römischen Katholizismus und
Protestantismus sofort deutlich.
Im
Protestantismus gibt es keine Tradition der „therapeutischen Behandlung“.
Man nimmt dort an, die Rettung bestünde darin, intellektuell an Gott zu
glauben. Doch die Rettung ist nicht eine Angelegenheit der intellektuellen
Akzeptanz der Wahrheit; sondern sie besteht in der Wesensumwandlung und gnadenhaften
Vergöttlichung
des Menschen. Diese Wesensumwandlung wird durch eine entsprechende
„Heilbehandlung“ der Persönlichkeit des einzelnen bewirkt. In der Heiligen
Schrift wird gesagt, daß der Glaube durch das Hören des Wortes und durch das
„Schauen“ komme, d. h. durch theoria, die Schau Gottes. Wir empfangen
den Glauben zuerst durch Hören, um geheilt zu werden; später erlangen wir den
Glauben durch theoria, die den Menschen rettet. Protestanten haben keine
„therapeutische Tradition“, weil sie glauben, daß das Akzeptieren der
Wahrheiten des Glaubens, die theoretische Akzeptanz der Offenbarung Gottes –
also der Glaube durch das Hören – den Menschen rette. Man könnte sagen, daß
solch ein Begriff der Erlösung sehr naiv ist.
Der
römische Katholizismus besitzt gleichfalls nicht die Vollkommenheit der
therapeutischen Tradition, die in der Orthodoxen Kirche vorhanden ist. Ihre
Doktrin des Filioque
ist eine Manifestation der Schwäche in ihrer Theologie, die Beziehung zwischen
der Person und der Gemeinschaft zu erfassen. Sie bringen die persönlichen
Eigenschaften durcheinander: die „Ungezeugtheit“ des Vaters, das „Gezeugtsein“
des Sohnes und den Ausgang des Heiligen Geistes. Der Vater ist hingegen die
alleinige Ursache der „Zeugung“ des Sohnes und des Ausgangs des Heiligen
Geistes.
Die
Schwäche der Lateiner, das Dogma der Trinität zu verstehen, und ihr Versagen,
es zum Ausdruck zu bringen, zeigt das Nichtvorhandensein einer empirischen [d.
h. auf der tatsächlichen Erfahrung Gottes beruhenden] Theologie. Die drei Jünger
Christi (Petrus, Jakobus und Johannes) sahen die Herrlichkeit (doxa)
Christi auf dem Berg Tabor; sie hörten die Stimme des Vaters: Dies ist Mein
geliebter Sohn, und sie sahen die Ankunft des Heiligen Geistes als eine
Wolke – denn die Wolke ist die Gegenwart des Heiligen Geistes, wie der hl.
Gregor Palamas sagt. So erlangten die Jünger Christi das Wissen um den Dreieien
Gott in der theoria (der Schau Gottes). Es wurde ihnen offenbart, daß
Gott ein Wesen in drei Hypostasen ist.
Das
ist genau das, was der hl. Symeon der Neue Theologe lehrt. In seinen Hymnen verkündet
er immer und immer wieder, daß der vergöttlichte Mensch die Offenbarung Gottes
in der Dreiheit erlangt, während er das ungeschaffene Licht sieht. Die
Heiligen, die sich in der theoria befanden, brachten die hypostatischen
Eigenschaften nicht durcheinander. Die Tatsache, daß die lateinische Tradition
zu dem Punkt gelangte, an dem sie die hypostatischen Eigenschaften
durcheinanderbrachte und lehrte, der Heilige Geist ginge auch vom Sohn [„filioque“]
aus, zeigt, daß es bei ihnen keine empirische Theologie gab. Die lateinische
Tradition spricht auch von „geschaffener Gnade“, eine Tatsache, die nahelegt,
daß keine Erfahrung über die Gnade Gottes vorhanden ist. Denn, wenn der Mensch
die Erfahrung Gottes erlangt, dann vermag er gut zu verstehen, daß die Gnade
Gottes ungeschaffen ist.
Ohne diese Erfahrung kann es keine echte „therapeutische Tradition“ geben.
Und
in der Tat können wir in der ganzen lateinischen Tradition nichts finden, was
der orthodoxen therapeutischen Methode gleichwertig wäre. Über den nous wird
nicht gesprochen; auch wird er nicht von der Vernunft [ratio]
unterschieden. Die Verfinsterung des nous wird nicht als Krankheit
behandelt, noch gibt es die Erleuchtung des nous als Therapie. Viele
weitverbreitete lateinische Texte sind sentimental und erschöpfen sich in einer
unfruchtbaren Moralität. Im Gegensatz dazu gibt es in der Orthodoxen Kirche
eine sehr umfangreiche Tradition bezüglich dieser Fragen, was zeigt, das in ihr
die wahre therapeutische Methode vorhanden ist.
Ein Glaube ist dann wahrer Glaube, wenn er therapeutischen Gewinn bringt. Wenn
er fähig ist, zu heilen, dann handelt es sich um den wahren Glauben. Wenn er
nicht heilt, ist er nicht der wahre Glaube. Dasselbe kann man über Arzneimittel
sagen: Jener Arzt ist ein vertrauenswürdiger Wissenschaftler, der weiß, wie
man heilt, und dessen Behandlungsmethoden therapeutischen Nutzen bringen, während
ein Scharlatan nicht in der Lage ist zu heilen. Dieselbe Wahrheit trifft zu,
wenn es um die Dinge der Seele geht. Der Unterschied zwischen Orthodoxie und der
lateinischen Tradition wie auch den protestantischen Konfessionen wird an erster
Stelle in der Behandlungsmethode offenkundig. Dieser Unterschied offenbart sich
in den Lehren dieser Konfessionen. Dogmen sind [nach orthodoxer Aufassung] nicht
philosophisch, noch ist Theologie dasselbe wie Philosophie.
Da
nun die Orthodoxie sich entschieden von den „Spiritualitäten“ anderer
Konfessionen unterscheidet, unterscheidet sie sich um so mehr von den
„Spiritualitäten“ der östlichen Religionen, die nicht an die
Theanthropische (Gottmenschliche) Natur Christi und an den Heiligen Geist
glauben. Sie sind geprägt durch eine philosophische Dialektik [also eine Art
von Spekulation über Gott], welche jedoch durch die Selbstoffenbarung Gottes überschritten
wurde. Diese Traditionen haben keinen Begriff von der Personalität [Gottes] und
daher vom hypostatischen Prinzip. Und die [selbstlose] Liebe ist als
fundamentales Prinzip nicht vorhanden. Man kann natürlich in diesen östlichen
Religionen seitens ihrer Anhänger ein Bemühen finden, sich von den bildhaften
Vorstellungen und rationalen Gedanken zu befreien, doch dies ist in Wirklichkeit
eine Bewegung hin zum Nichts, zum Nichtsein [„Nirwana“]. Es gibt dort jedoch
keinen Weg, der ihre Schüler zur theosis, zur Vergöttlichung des ganzen
Menschen führen würde.
Daher
besteht eine breite und tiefe Kluft zwischen der orthodoxen Spiritualität und
den östlichen Religionen, obwohl gewisse Ähnlichkeiten in der Terminologie
vorhanden sind. Zum Beispiel können sich die östlichen Religionen mit
Begriffen wie Entrückung (Ekstase), Leidenschaftslosigkeit, Erleuchtung,
Geistesenergie usw. befassen, doch diese sind von Inhalten geprägt, die sich
von den entsprechenden Begriffen in der orthodoxen Spiritualität völlig
unterscheiden.
III.
Der Kern der orthodoxen Spiritualität
In der heiligen
Überlieferung der Orthodoxen Kirche stehen im Zentrum der orthodoxen
Spiritualität das Herz und der nous. Es ist dieses Zentrum, das
behandelt werden muß, so daß die ganze psychosomatische Konstitution des
Menschen geheilt wird. So spricht auch der Herr. Selig sind, die ein reines
Herz haben; denn sie werden Gott schauen (Mt 5,8).
Um zu sehen, was das Herz und der nous sind, müssen wir mit einer
Untersuchung der Seele beginnen.
Aus
dem Bericht des Buches Genesis im Alten Testament wissen wir, daß Gott im
Anfang Adams Leib erschuf, dann in ihn hauchte und seine Seele erschuf. Wenn
gesagt wird: Er erschuf die Seele, wird deutlich, daß die Seele kein
Teil Gottes oder der Geist Gottes ist, wie manche Menschen behaupten. Der hl.
Johannes Chrysostomos sagt hingegen, daß es die Energie des Heiligen Geistes
war, welche die Seele erschuf, ohne selbst die Seele zu sein, da unter der
„Anhauchung“ Gottes die Energie des Heiligen Geistes zu verstehen sei. Es
ist von lebenswichtiger Bedeutung, dies zu wissen, denn man kann leicht
verstehen, daß die Seele daher nicht losgelöst betrachtet werden kann, sondern
nur im Zusammenhang mit Gott.
Die
Seele eines jeden Menschen stellt eine Einheit dar und ist zugleich vielfältig,
wie der hl. Gregor Palamas sagt. In einem anderen Zusammenhang lehrt der hl.
Gregor Palamas, daß Gott Dreiheit sei – Nous, Logos und Geist – und auf
eine entsprechende Weise habe die Seele eine trinitarische Natur: Es gäbe dort
den nous – das Zentrum der Existenz des Menschen –, den Logos –
gezeugt vom nous –, und den Geist – die „noetische (geistliche)
Liebe des Menschen“.
Die
Seele ist eng mit dem Körper verbunden. Sie ist nicht in einem bestimmten Teil
des Körpers lokalisiert.
Gemäß
der orthodoxen Lehre lenkt Gott die Welt durch Seine ungeschaffenen Energien. So
wie Gott in der Natur wirkt, so bewegt und aktiviert die Seele jedes Glied des Körpers,
damit es seine Funktion erfülle, wie es der hl. Gregor vom Sinai ausdrückt.
Daher lenkt die Seele den Körper auf ähnliche Weise, wie Gott die Welt
regiert.
Wie
es der hl. Gregor Palamas zum Ausdruck bringt, besetzt die Seele den Körper,
mit dem sie geschaffen wurde. Sie erfüllt den ganzen Körper und gibt dem Körper
das Leben. Mit anderen Worten, die Seele ist nicht im Körper eingeschlossen,
sondern sie nimmt den Körper, an den sie geheftet ist, ein.
Es besteht eine starke Verbindung zwischen der Seele und dem Körper, aber auch
eine klare Unterscheidung. Der Mensch setzt sich aus Körper und Seele zusammen,
wobei beide simultan ohne jede Vermischung koexistieren. So wird nicht nur die
Seele Mensch genannt, auch heißt nicht nur der Körper „Mensch“, sondern
beide zusammen bilden den Menschen. Die Seele gibt Leben dem ganzen Leib des
Menschen durch ihre lebenserhaltenden Kräfte. Wenn jedoch dem Körper eines
seiner Glieder fehlt – z. B. verliert der Mensch seine Augen –, bedeutet dies nicht, daß die
lebenserhaltenden Kräfte in geringerem Maße vorhanden sind. Überdies ist die
Seele nicht an und für sich gleichzusetzen mit ihren lebenserhaltenden Kräften,
sondern sie enthält einzig in sich all die lebenserhaltenden Kräfte des Körpers.
Der
hl. Gregor von Nyssa charakterisiert dieses Verhältnis dahingehend, daß es
nicht die Seele sei, die vom Körper gehalten wird, sondern daß sie es
sei, die den Körper enthalte. Mit anderen Worten, der Körper enthält nicht
wie ein Gefäß oder ein Weinschlauch die Seele, sondern es ist eher der Körper
in ihr. Die Seele handelt durch den ganzen Leib des Menschen.
Was
bisher über die Seele gesagt wurde, mag sehr theoretisch erscheinen, aber es
ist eine deutlich formulierte Lehre der Kirche, und als solche unentbehrlich für
den Leser, um den Zusammenhang von Herz und nous zu verstehen – dem
Zentrum der orthodoxen Spiritualität. Sonst sind wir nicht in der Lage zu
begreifen, wohin die Orthodoxe Kirche führt und was sie zu heilen bestrebt ist.
Wie
Gott Wesen und Energie besitzt, so hat auch die Seele – geschaffen im Bildnis
Gottes – Wesen und Energie. Das Wesen Gottes und Seine Energie sind natürlich
ungeschaffen, während das Wesen der Seele und ihre Energie geschaffen sind.
Nichts existiert ohne Energie. Das Wesen der Sonne ist jenseits der Erdatmosphäre,
doch ihre Energie, welche Licht und Wärme spendet, Verbrennungen verursacht
usw., erreicht die Erde und läßt ihr Licht und Wärme zukommen. Dasselbe ist
der Fall mit allen Dingen. Das Wesen der Seele befindet sich im Herzen, nicht
wie in einem Gefäß, sondern wie in einem Organ; ihre Energie wirkt durch die
Gedanken (logismoi).
Gemäß
dem hl. Gregor Palamas wird die Seele auch nous genannt. Daher findet man
sowohl für das Wesen der Seele – das Herz – als auch ihre Energie –
bestehend aus den Gedanken – die Bezeichnung nous.
Um
jedoch zu vermeiden, daß hier irgendeine Verwirrung entsteht – obgleich in
der biblisch-väterlichen Tradition diese Begriffe untereinander austauschbar
sind –, wird hier die Seele als das spirituelle Element der menschlichen
Existenz betrachtet, das Herz als das Wesen [Essenz, Substanz] der Seele, und
der nous als Energie der Seele. Wenn daher der nous in das Herz
eintritt und darin handelt, entsteht eine Einheit zwischen dem nous (Energie),
dem Herzen (Wesen) und der Seele.
Alle
Askese in der Kirche zielt hin auf die theosis (Vergöttlichung) des
Menschen und seine Gemeinschaft mit Gott der Dreiheit. Dies geschieht dann, wenn
die Energie der Seele (nous) in ihr Wesen (Herz) zurückkehrt und
aufsteigt zu Gott. Denn bevor die Einheit mit Gott erlangt wird, muß zunächst
durch die Gnade Gottes die Einheit der Seele verwirklicht worden sein. In der
Tat ist die Sünde die Zerspaltung dieser Kräfte; sie besteht primär in der
Zerstreuung der Energie der Seele – also des nous – unter den Dingen
und ihre Trennung vom Herzen.
Nach
diesen Klarstellungen ist es nun wichtig, genauer zu untersuchen, was das Herz
und der nous in der orthodoxen Tradition sind.
Das
Herz ist das Zentrum des psychosomatischen Aufbaus des Menschen,
denn, wie wir zuvor festgestellt haben, besteht eine „unvermischte“ Einheit
zwischen der Seele und dem Körper. Das Zentrum dieser Einheit wird Herz
genannt.
Das
Herz ist der Ort, welcher durch asketische Praxis im Zustand der Gnade entdeckt
wird; es ist der Ort, in dem sich Gott offenbart und in Erscheinung tritt. Diese
Definition scheint abstrakt zu sein, doch sie ist aus der geistlichen Erfahrung
entstanden. Niemand kann den Ort des Herzens durch rationale und spekulative
Definitionen vollständig aufzeigen. In jedem Fall ist das Herz das Zentrum und
die Summe der drei Fähigkeiten der Seele: des Verstandes, der Kraft des
Begehrens und der Kraft des Zürnens. Es ist eine Tatsache, daß ein Mensch, der
das innere Leben lebt – wenn sein nous in seine innere Welt aus der
vorherigen Zerstreuung zurückkehrt; wenn er die Bußtrauer erfährt und im
tiefsten Sinne Reue empfindet –, sich der Existenz dieses Zentrums bewußt
wird, d. h. der Existenz des Herzens. Er empfindet darin Schmerz und geistliche
Trauer; er erfährt die Gnade Gottes; er vernimmt darin sogar die Stimme Gottes.
Gemäß
heiligväterlichen Tradition ist das Wesen der Seele, welches das Herz genannt
wird, wie in einem Organ vorhanden, aber nicht in jenem Gefäß eingeschlossen,
in dem sich das physische Organ des Herzens befindet. Dies sollte man im
Zusammenhang damit sehen, daß die Seele den Körper trägt und ihm Leben gibt,
wie zuvor gesagt wurde; sie ist nicht im Körper enthalten, sondern sie enthält
den Körper des Menschen in sich. Aus dieser Perspektive heraus begreift der hl.
Nikodemos der Hagiorit das Herz a) als das biophysikalische (natürliche)
Zentrum, denn das Blut zirkuliert von dort aus in alle Teilen des Körpers
hinein; b) als ein erkranktes (entgegen der Natur) Zentrum, denn die
Leidenschaften herrschen darin; c) und als ein übernatürliches Zentrum, denn
die Gnade Gottes wirkt darin. Darauf weisen viele Passagen der Heiligen Schrift
hin:
Ich
aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr
die Ehe gebrochen in seinem Herzen (Mt 5,28).
Du
aber mit deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir Zorn an auf
den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichts Gottes (Röm
2,5).
...
daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne (Eph
3,17).
Hoffnung
aber läßt nicht zuschanden werden, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in
unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (Röm
5,5).
Der
nous ist hingegen die Energie der Seele. Gemäß der Väter
wird der nous auch das Auge der Seele genannt. Sein natürlicher Ort
befindet sich im Herzen, um dort mit dem Wesen der Seele vereinigt zu sein und
das unablässige Andenken Gottes zu erfahren. Er bewegt sich seiner Natur
zuwider, wenn er von den Geschöpfen Gottes und den Leidenschaften versklavt
wird. Die orthodoxe Tradition unterscheidet zwischen nous und Verstand
[gr. diánoia: Denkkraft, Verstand].
Der
Verstand ist eine Funktion im Gehirn, während der nous außerhalb davon
tätig ist und in seinem natürlichen Zustand mit dem Herzen vereinigt ist. Im
Heiligen, der die Offenbarung und der Träger der orthodoxen Spiritualität ist,
arbeitet der Verstand und ist sich der umgebenden Welt bewußt, während
zugleich der nous im Herzen ist, unablässig betend. Die Trennung des nous
vom Verstand ist die Grundlage des Zustandes der spirituell gesunden Person,
und das ist das Ziel der orthodoxen Spiritualität.
Recht
anschaulich wird dies in zwei Stellen aus den Schriften des hl. Basileios des
Großen. In dem einen Text sagt er, daß im spirituellen Menschen – der ein
Tempel Gottes, des Allheiligsten Geistes geworden ist – der Verstand und der nous
existieren und simultan tätig sind. Der Verstand ist mit den irdischen
Obliegenheiten beschäftigt, während sich der nous mit dem unablässigen
Gedenken Gottes befaßt. Überdies wird der Mensch nicht von unerwarteten
Versuchungen – d. h. durch Versuchungen, die durch seine Schwäche und die
Vergänglichkeit seiner Natur verursacht werden gestört, da sein nous mit
dem Herzen vereinigt ist und sich in der Gemeinschaft mit Gott befindet.
In
der anderen Passage bezieht sich der hl. Basileios auf die Rückkehr des nous
in das Herz und seinen Aufstieg zu Gott. Diese Stelle sollte im Zusammenhang
mit der ersten und im Zusammenhang mit allen Lehren des hl. Basileios
interpretiert werden. Der nous, der im Äußeren verstreut ist und sich
durch die Sinne in die Welt verbreitet, ist krank, gefallen, ausschweifend. Er
muß aus seinem verstreuten Zustand zu seiner Einheit mit und in dem Herzen zurückkehren,
zu seinem natürlichen Zustand, und sich dann mit Gott vereinigen. Erleuchtet
vom ungeschaffenen Licht (dem Zustand der theosis), vernachlässigt der nous
sogar die eigene Natur, und die Seele ist nicht mehr um Kleidung und Schutz
besorgt. Dies bedeutet nicht, daß der Mensch sich nicht mehr um Nahrung usw. kümmert.
Doch da er den Zustand der theoria (Schau Gottes) und der theosis erlangt
hat, treten seine körperlichen Kräfte – nicht aber jene der Seele – in den
Hintergrund; mit anderen Worten, die Seele und der nous sind nicht den
Einflüssen der Welt und der materiellen Dinge unterworfen. Der Mensch ist natürlich
damit beschäftigt, doch er wird durch sie nicht beherrscht. Außerdem stellt
der hl. Basileios der Große klar fest, daß durch diese Bewegung des nous ins
Herz die Tugenden ganzheitlich erlangt werden: Umsicht, Mut, Gerechtigkeit,
Weisheit zusammen mit allen anderen Tugenden.
Vater
Johannes Romanides sagt, daß alle lebendigen Geschöpfe zwei bekannte
Erinnerungssysteme besitzen. Erstens „gibt es das Zellgedächtnis, das die
Entwicklung und das Wachstum des Individuums in bezug auf sich selbst
festlegt“. Dies ist die bekannte DNA-Struktur, der genetische Code, der buchstäblich
alles in der [biologischen] Konstitution des Menschen festlegt. Zweitens „gibt
es das Gedächtnis in den Gehirnzellen, das die Funktionen und Beziehungen des
Individuums in bezug auf sich selbst und seine Umwelt bestimmt“. Dies ist die
Arbeit des Gehirns, welches die Eindrücke aller Erinnerungen der Vergangenheit
wie auch des menschlichen Wissens speichert, das durch Studium und Forschung
erlangt wurde. Dadurch werden auch die Beziehungen des Menschen mit seinen
Mitmenschen geprägt. Zusätzlich dazu aber existiert gemäß Romanides „in
jedem Menschen ein nichtfunktionales oder subfunktionales Gedächtnis im Herzen;
und wenn es durch inneres Gebet [„Herzensgebet“] aktiviert wird, hat es
fortwährende Erinnerung an Gott, was dann zur Normalisierung aller anderen
Beziehungen des Menschen beiträgt.“
Folglich
besitzt der Heilige – der Träger der orthodoxen Spiritualität – alle drei
Gedächtnisse, die simultan arbeiten und funktionieren, ohne einander zu
beeinflussen. Der Heilige ist der „allernatürlichste Mensch“. Er ist sich
der Welt bewußt, beschäftigt mit mancherlei Angelegenheiten, jedoch – weil
sein nous seine natürliche Tätigkeit eingenommen hat – „lebt er auf
Erden, ist aber ein Bewohner des Himmels“.
Daher
ist das Zentrum der orthodoxen Spiritualität das Herz, in dem innewohnend der nous
des Menschen tätig zu sein hat. Die Energie der Seele – der nous –
muß in das Wesen der Seele – in das Herz – zurückkehren, und auf diese
Weise erlangt der Mensch durch Vereinigung dieser Kräfte mittels der Gnade
Gottes Einheit und Gemeinschaft mit Gott der Dreiheit. Eine Spiritualität außerhalb
dieser Perspektive ist nicht orthodox, sondern moralistisch, pietistisch,
abstrakt und rationalistisch.
IV. Praxis und theoria
In
den Lehren der Heiligen Väter werden die drei Stadien des geistlichen Leben
mittels der Begriffe „praxis“ und „theoria“ charakterisiert. Ich denke,
auch wir sollten uns mit diesem Thema befassen, um klarer zu verstehen, was mit
Reue und Reinigung des Herzens gemeint ist, und um andererseits die Mißinterpretation
der Begriffe „praxis“ und „theoria“ in der heutigen Zeit zu berichtigen.
Wenn
wir Texte der Heiligen Väter lesen, sehen viele Menschen diese Begriffe, ohne
sich ihrer tieferen Bedeutung bewußt zu sein. Sie interpretieren sie innerhalb
der Perspektive des westlichen Denkens: „Theoria“ wird als spekulativ
begriffen, basierend auf Theorie und nicht auf der Praxis, mit anderen Worten:
Sie befasse sich auf theoretische Weise mit logischen Schlußfolgerungen.
Hingegen wird unter „praxis“ die Lehre und Anwendung dieser intellektuellen
Konzepte verstanden. Wieder andere sehen in „theoria“ die Widerspiegelung göttlicher
Dinge, und unter „praxis“ verstehen sie missionarische Unternehmungen, d. h.
die Unterweisung dieser rationalen Konzepte.
In
der heiligväterlichen Tradition haben die Begriffe „praxis“ und „theoria“
jedoch andere Bedeutungen, worauf wir in den folgenden Passagen kurz zu sprechen
kommen.
Der
hl. Gregor der Theologe sagt, daß theoria und praxis von großem
Nutzen seien, denn die theoria erhebe den nous des Menschen über
irdische Dinge; sie führe ihn zum Allerheiligsten und richte ihn wieder in
seiner ursprünglichen Natur auf; während die praxis Christus empfinge
und Ihm diene und die Liebe mit Taten prüfe. Ganz klar ist theoria die
Schau Gottes – die Wiederherstellung des nous und die Rückkehr zu
Gott; praxis ist die Summe aller Handlungen, die zu dieser Liebe führen.
In
einem anderen Text bezieht sich der hl. Gregor der Theologe auf die letzte und
schrecklichste der sieben Plagen der Ägypter – den Tod ihrer erstgeborenen
Kinder – und stellt fest, daß der Mensch, um dem Todesengel zu entgehen, die
Wächter seines nous – praxis und theoria – mit dem
Blut Christi salben müsse. Somit sind praxis und theoria mit dem nous
verbunden. Es sind die Wächter des nous, und sie werden geheilt
durch das Blut Christi. Und dies ist gewiß unsere Identifikation mit und
Partizipation an Christi Kreuzigung, Begräbnis, Auferstehung und Himmelfahrt.
In
der gesamten heiligväterlichen Tradition ist klar, daß praxis die
Reinigung der Leidenschaften des Herzens ist, während theoria sowohl die
Erleuchtung (Illumination) des nous als auch die Schau der ungeschaffenen
Herrlichkeit Gottes darstellt. Gemäß dem hl. Gregor dem Theologen ist praxis
die Voraussetzung der theoria. Gemäß dem Altvater Elias ist praxis
Fasten und Nachtwachen; Psalmengesang und Gebet und eine Stille, die
kostbarer ist als Worte; auch ist praxis alles, was geduldig getan wird,
ohne zu klagen. Der hl. Isaak der Syrer sagt, daß theoria die Schau des nous
sei. Es muß natürlich festgehalten werden, daß es keine von theoria unabhängige
praxis gibt, noch existiert theoria unabhängig von praxis.
Das bedeutet, daß der Mensch zur theoria Gottes durch Reinigung
(Purifikation) geführt wird; und wenn die theoria aufhört, beginnt
wieder die praxis.
Der
hl. Gregor Palamas geht analytischer vor in bezug auf die Thematik von praxis
und theoria. Er lehrt, daß die theoria Gottes nichts anderes
sei als die Schau Gottes. Daher sei theoria nicht Spekulation über das,
was gesagt oder was gesehen wurde, sondern die Schau Gottes selbst. Wenn dies in
der Tat theoria ist, folgt daraus, daß praxis nichts anderes ist
als die Reinigung des Herzens und die Reue (Buße), also die vollständige
hesychastische Lebensweise – die Ausbildung in der hesychia. Somit ist
gemäß dem hl. Gregor Palamas die praxis gleichgesetzt mit dem
hesychastischen Weg, einer Methode des Gebets (heilige Stille), die die Stille
des nous erfordert, das Anhalten der Welt und das Vergessen der irdischen
Dinge. Es ist eine Initiation in die Dinge der Höhe und das Beiseitelegen aller
Vorstellungen über das „Gutsein“. Durch die praxis – die heilige hesychia
– „werden wir vom Weltlichen befreit und richten uns aus auf Gott“.
Dies ist der Pfad und die Art und Weise des Aufstiegs zu Gott, welcher der
Allheiligsten Mutter Gottes folgt. Sie erlangte die theosis und wurde zur
Mutter des Wortes Gottes.
Praxis
ist daher die Reinigung des Herzens; daraus besteht die authentische Reue
und Buße, wie sie vom hl. Johannes dem Täufer verkündet wurde, von Christus
Selbst und natürlich von all Seinen Aposteln, denn Reue ist die unerläßliche
Voraussetzung, um zur Erfahrung des Reiches Gottes zu gelangen.
Daher
ist die Reinigung – d. h. die Läuterung unserer inneren Welt – das erste
Stadium des geistlichen Lebens, welches wir durchlaufen müssen, um die Rettung
zu erlangen.
Im
folgenden muß geklärt werden, was die Heiligen Väter unter „Reinigung des
Herzens“ verstehen. Sie haben hauptsächlich drei Dinge dabei im Sinn.
Erstens
ist Reinigung (Purifikation) des Herzens die Heilung der Fähigkeiten der Seele,
damit sie in Übereinstimmung mit der Natur und oberhalb der Natur tätig sind.
Die Seele des Menschen ist sowohl eine Einheit als auch mannigfaltig. Sie hat
primär drei Fähigkeiten: die Denkfähigkeit, das Begehren und die Erregbarkeit
[d. h. das „Zürnen und Wollen“]. Alle drei Fähigkeiten sind, wenn sie
normal funktionieren, auf Gott hin ausgerichtet. Das Denkvermögen sucht Gott;
das Begehren verlangt nach Gott, und der Wille muß alles tun, um die
Gemeinschaft und Einheit mit Gott zu erlangen.
Zweitens
ist Reinigung (Purifikation) die Befreiung des Menschen von Genuß und Schmerz,
mit anderen Worten, es ist die Befreiung des Menschen von der Unterdrückung,
die Genuß und Schmerz auf ihn ausüben. Wenn der Mensch gereinigt ist, ist er
frei von ihrer Vorherrschaft. Nun sind es die geistlichen Freuden, die sich vor
allem in ihm einfinden; und er wird nicht niedergeschlagen oder belastet, wenn
ihm verschiedene Menschen oder Probleme im Leben Schmerz bereiten.
Drittens
ist Reinigung (Purifikation) die Reinigung des Herzens von den verschiedenen
Gedanken-Logismoi, die darin existieren. Sie werden logismoi genannt,
denn sie müssen im Verstand wohnen und nicht im Herzen. Was bedeutet das? Wenn
ein „logismos“ kommt und der Mensch nicht genügend aufmerksam ist, wird
daraus ein Begehren, das erfüllt, d. h. verwirklicht, werden will. Das
bedeutet, daß der Logismos aus der intelligiblen Fähigkeit der Seele [dem
Denkvermögen] hervorgeht und zum Empfindungsvermögen überwechselt, d. h. zum
Begehren und Wollen. Wenn der Logismos in die Tat umgesetzt wird und sich zu
einer Leidenschaft entwickelt, gelangt er ins Herz und verweilt dort mit großer
Macht.
Die
Väter sagen, daß das Herz von logismoi gereinigt werden kann durch Reue
und mittels der asketischen Methode der Kirche. Und die asketische Methode ist
durch die göttliche Gnade inspiriert. Ein einfacher Gedanke kann in den
Verstand eindringen, doch nicht weiter ins Herz vorstoßen. Wenn alle logismoi
entfernt sind und das Herz gereinigt ist, herrscht dort nur noch das
Ein-Wort-Gebet vor. Aus diesem Grund wird das Gebet „Herr Jesus Christus,
erbarme Dich meiner“
das Ein-Wort-Gebet genannt. Daher verhilft das einfache Erinnern [Gottes] im
Herzen dazu, das unablässige Gebet wiederzuerlangen, während der Verstand die
sogenannten einfachen logismoi denkt – die einfachen Begriffe von
Dingen, losgelöst von Leidenschaft.
Diese
drei Stadien bilden das, was die Väter die Reinigung des Herzens nennen. Wenn
das Herz eines Menschen gereinigt ist, wird dieser umgänglicher,
ausgeglichener. Er verhält sich in der Gesell-schaft auf richtige Weise, da
seine Selbstsucht der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen gewichen ist.
Selbstsüchtige Liebe wird in selbstlose verwandelt. Zuvor liebte er selbstsüchtig,
mit einer Liebe, die das ihre suchte. Nun jedoch liebt er mit einer reinen
Liebe: Er liebt andere, ohne irgend etwas dafür im Gegenzug zu erwarten. Er
liebt unabhängig davon, ob andere ihn lieben. Er sucht nicht das seine in
seinen Handlungen. Wenn daher selbstsüchtige Liebe in selbstlose Liebe
verwandelt ist, spricht man davon, daß die Person zu einem wirklichen Menschen
geworden ist. Und genau darum handelt
es sich bei dieser Wandlung, die als die Heilung des Menschen betrachtet wird.
In
der heiligväterlichen Tradition wird praxis auch als Ethik (Moral)
bezeichnet. Der hl. Gregor Palamas spricht von Ethik in seinen Texten, in denen
er die Thematik der Reinigung des Herzens entwickelt. Darin wird der ganze
Verlauf des Heilungsprozesses des Menschen beschrieben. In der orthodoxen
Tradition ist Ethik keine abstrakte Bedingung oder ein pharisäisches äußeres
Verhalten; sondern – Askese. Wenn daher die Väter von Ethik (Moral) sprechen,
meinen sie Askese. Und da Askese für den Menschen der Übergang von der
Unreinheit des nous zu seiner Reinigung und Erleuchtung ist, ist die
orthodoxe Ethik daher die Reinigung (Purifikation) des Menschen.
Wenn
praxis in der heiligväterlichen Tradition die Reinigung des Herzens ist,
dann ist theoria einerseits die Erleuchtung des nous und
andererseits die Schau des ungeschaffenen Lichtes. So wird in der Lehre des hl.
Gregor Palamas deutlich, daß die theoria Gottes die Vereinigung des
Menschen mit Gott ist. Sie wird durch Vergöttlichung (theosis) bewirkt
und schenkt dem Menschen die Erkenntnis Gottes. Theoria – Vereinigung
– theosis und Erkenntnis Gottes sind in der heiligväterlichen
Tradition synonym.
Dies
also ist der Pfad, der zur Heilung des Menschen führt. Genauso wie jede
Wissenschaft eine besondere Vorgehensweise besitzt, um den Menschen zur
Erkenntnis zu führen, so hat auch die Kirche eine Methode, um den Menschen zu
Gott zu führen. Und diese Methode besteht in der Reinigung des Herzens, der
Erleuchtung des nous und der Vergöttlichung (theosis) – und
wird auch genannt: praxis und theoria.
V.
Neptische und soziale Theologie
Theologie
ist in ihrem authentischen Ausdruck das Wort von und über Gott. Je mehr diese
Theologie an die Wahrheit und die Schau Gottes gebunden ist, desto wahrer ist
das Wort über Gott. Dies setzt jedoch das Vorhandensein eines echten und gläubigen
Theologen voraus. In der Lehre der Heiligen Väter ist der Theologe mit dem
Gottschauenden gleichgesetzt. Nur derjenige, der Gott sehen kann und mit Ihm
durch die theosis vereinigt wurde, hat die wahre Erkenntnis Gottes
erlangt. Gemäß dem hl. Gregor dem Theologen sind diejenigen Theologen, welche theoria
erlangt haben, nachdem sie zuvor von ihren Leidenschaften gereinigt wurden
oder sich zumindest im Prozeß der Reinigung befinden.
Genau
diese Position der Kirche offenbart, daß die Theologie der Kirche eine einzige
ist und es keine Trennung in neptische
und soziale Theologie gibt. Alle Theologie ist zugleich neptisch und sozial.
Dies weist darauf hin, daß die Heiligen Väter nicht scharf in neptische und
soziale Theologen zu unterscheiden sind.
Nichtsdestotrotz
wird üblicherweise ein Unterschied gemacht, wenn man über die Väter spricht,
die ihr ganzes Leben in der Wüste lebten [d. h. die „neptischen Väter“],
und jenen, die im pastoralen Dienst tätig waren. Doch sollte festgehalten
werden, daß auch diese Trennung künstlich ist, und zwar aus zwei Gründen:
erstens, weil auch die sogenannten sozialen Väter durch nepsis und
Reinigung gingen; und zweitens, weil auch die neptischen Väter, die als
Eremiten lebten, indirekt pastoralen Dienst leisteten, nämlich durch ihr Gebet
für die Welt und indem sie Pilger, die sie besuchten, zur Heilung anleiteten.
Das
wahre Werk der Theologie ist die Heilung der Person. Ein wahrer Theologe kennt
das Problem und ist in der Lage, es zu behandeln. Die tatsächliche Krankheit
besteht in der Verfinsterung des nous. Daher ist wahre Theologie neptisch,
und der wirkliche Theologe
ist im Wesen neptisch, denn er muß all die Geheimnisse des geistlichen Kampfes
kennen und Unterscheidung besitzen, die sich infolge seiner eigenen spirituellen
Reise auf dem Weg der Heilung entwickelte.
Alle
orthodoxe Theologie ist neptisch, denn sie bezweckt die Heilung des
Menschen. Sie heilt den Menschen und befreit seinen nous von der Tyrannei
der Vernunft, der Umgebung und der Leidenschaften. Dies wird durch Wachsamkeit
und Gebet vollbracht.
Wachsamkeit
(nepsis) ist Aufmerksamkeit, geistliche Nüchternheit. Christus sagte zu
Seinen Jüngern: Wachet und betet (Mt 26,41).
Der Apostel Paulus unterweist seinen Schüler Timotheus genauso: Sei wachsam
in allen Dingen (2 Tim 4,5).
Daher ist Wachsamkeit geistliche Aufmerksamkeit; es ist die Bereitschaft des nous,
keinerlei verlockende Gedanken anzunehmen. Gemäß der Lehre der Heiligen Väter
ist Wachsamkeit (nepsis) die Gegenwart der Vernunft an der Pforte des
Herzens, welche Wache hält gegen den Eintritt einer Versuchung, wodurch eine
Bereitschaft entstünde, die das Begehen einer Sünde zur Folge haben kann.
Wachsamkeit ist eng mit dem Gebet verbunden. Gemäß dem hl. Maximos dem
Bekenner bewahrt die Wachsamkeit den nous klar vor jedem verführerischen
Vorschlag, während das Gebet reiche Gnade in das eigene Herz bringt. Daher wird
die Wachsamkeit auch als Wachposten des Herzens bezeichnet. Daher sind
Wachsamkeit (Aufmerksamkeit) und Gebet die beiden geistlichen Waffen, welche die
„Philosophie in Christo“ begründen.
Praktische
Philosophie, von welcher der hl. Maximos der Beken-ner spricht, ist keine
theoretische Spekulation, sondern das innere noetische Werk, durch das der
Mensch zu einem brauchbaren Instru-ment der göttlichen Offenbarung wird. Auf
diese Weise wird der Mensch zum Träger der Offenbarung, er kennt Gott. Das Herz
ist befreit von allen Gedanken-Logismoi und behält nur noch eine Äußerung bei
– das unablässige Gebet „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich
meiner, des Sünders“.
Das
Herz akzeptiert keine anderen logismoi. Die Zurückweisung der logismoi
bedeutet natürlich nicht, daß der Verstand von den Gedanken abgetrennt
ist, sondern es stellt die Befreiung des eigenen nous und somit des
Herzens dar. Dies ist die Art und Weise, durch welche das Herz gereinigt wird,
und durch das Gebet empfängt es viel Gnade von Gott. Der ganze Prozeß wird
genannt: „noetische Hesychia“
oder Hesychasmus. Hesychasmus ist nichts anderes als die spirituelle
„Methode“, durch welche das Herz gereinigt wird, so daß nur noch der Name
Christi darin verbleibt.
Und
genau diese Aktivität nimmt zugleich einen sozialen Charakter an, denn,
wenn der Mensch geheilt wird, wird er zugleich der gemeinschaftlichste aller
Menschen. Wenn eine Gesellschaft, eine Familie sich aus gesunden Personen
zusammensetzt, sind praktisch keine schwerwiegenden sozialen oder familiären
Probleme vorhanden. Vielleicht können Probleme infolge individueller Umstände
oder durch das Temperament der einzelnen Personen aufkommen, doch der geheilte
Mensch erkennt, was überwunden werden kann und bringt die Dinge in Ordnung.
Dies kann man bei gewissen Asketen sehen, die durch Krankheiten, infolge ihres
Alters oder Charakters Mängel beibehielten, doch selbst diese Fehler erscheinen
„voll von Gnade“, d. h. provozieren nicht; man hält sie für natürliche
Erscheinungen eines Menschen, der die ungeschaffene Gnade Gottes in sich hat.
Dementsprechend
kann durch Aufstellung einiger Punkte gezeigt werden, daß der neptische Mensch
den sozialen Menschen in vollendeter Gestalt darstellt.
a)
Die größte und bedeutsamste soziale Tat in der Geschichte der Menschheit wurde
durch die Mutter Gottes vollbracht. Die Theotokos (Gottesgebärerin) – wie sie
in der Orthodoxen Kirche genannt wird – beanspruchte keinerlei Amt in der frühen
Kirche. Sie diente nicht, wie es die Apostel taten. Sie befaßte sich statt
dessen mit Stille und Gebet. Nichtsdestotrotz vollbrachte sie einen großen
pastoralen Dienst.
Der
hl. Gregor Palamas sagt, daß die Theotokos nach Christi Auffahrt in den Himmel
mit geduldiger Langmut und in vielfältiger asketischer Praxis lebte, für die
ganze Welt betete und die Apostel ermahnte, die in der Welt predigten. Für die
Apostel war die Theotokos eine Säule der Unterstützung, auf deren Gebete sie
lauschten und deren Einsichten und Beiträge zur Verkündigung des Evangeliums
sie dankbar entgegennahmen. Auf diese Weise leistete Sie durch Ihr Gebet und
Ihre Zusammenarbeit mit den Aposteln eine höchst bedeutsame Hilfe im Werk der
Mission.
Das
Werk der Theotokos beschränkt sich jedoch nicht nur auf diesen Bereich. Die
Panagia (die Heilige über den Heiligen) wurde die
größte Missionarin der Geschichte, denn Sie bereitete sich vor und
erlangte die Vergöttlichung (thosis) auf eine ihr bekannte Weise. Sie
wurde die „höchst Gesegnete“ und schließlich wurde Sie würdig, den Sohn
– das Wort Gottes – zu empfangen. Sie gab Ihr Fleisch der Zweiten Person der
Heiligen Dreiheit, damit Er inkarniert wurde. Sie zeigte uns daher einerseits
den Pfad, dem wir folgen müssen, wenn wir wünschen, uns der Ähnlichkeit mit
Gott zu nähern; und bot uns andererseits die wirksamste Arznei für unsere
Krankheit: Sie wurde zum Anlaß des größten Glücks, das die Welt jemals
erfuhr – sie gebar den inkarnierten Christus.
Dieses
große Werk tritt auch im Leben der wahren Hesychasten zum Vorschein. Dadurch,
daß sie mit der Reinigung des Herzens und der Heilung ihrer Personalität beschäftigt
sind, bieten sie der Menschheit großen Trost. Die Erneuerung auch nur eines
einzigen Menschen gibt Anlaß für die größte Freude in allen Welten. Die
Hesychasten legen durch ihr bloßes Dasein, ihre Gebete und Lehren in allen
Jahrhunderten Zeugnis für das missionarische Werk ab. Sie segnen und heiligen
die Welt sogar nach ihrem Tod – durch ihre heiligen Reliquien. So geschieht in
der Stille ein höchst dynamisches Werk.
b)
Der Mensch, durch göttliche Gnade erneuert, wird zu einem Wesen, das
gesellschaftsfähiger ist als alle anderen. Ein gutes Beispiel dafür ist das
Gleichnis vom verlorenen Sohn, wie es der hl. Gregor Palamas deutet.
Besitz
und Nahrung – das ist unser nous. Wenn unser nous sich auf Gott
stützt, sind wir in einem guten Zustand. Wenn wir jedoch die Tür zu unseren
Leidenschaften öffnen, dann breitet sich der nous aus und wandert ständig
in Richtung weltlicher Dinge; hin zu verschiedenen Vergnügungen und
leidenschaftlichen Gedanken. Er lockt uns von der wahren Liebe fort, der Liebe
zu Gott und zu unserem Nächsten, hin zum Verlangen nach weltlichen Dingen und
Sehnsucht nach eitler Ehre. So entwickeln sich Genußliebe, Geldgier und
Ehrgeiz. So wird der Mensch krank, wie es der hl. Gregor Palamas ausdrückt, er
wird unglücklich, und hat weder Freude am Strahlen der Sonne, noch, wenn er
frische Luft atmet.
Der
„verlorene“ Sohn, d. h. die Entfremdung von Gott, hat Folgen nicht nur für
den einzelnen, der durch seine Entwürdigung krank geworden ist, sondern auch für
die gesamte Gesellschaft, denn er ist voller Wut und kämpft gegen seinen
Mitmenschen, da seine unvernünftigen Wünsche nicht befriedigt werden können.
Er wird gemeingefährlich und beginnt, einem wilden Tier zu ähneln.
Deshalb
wird der Mensch, dessen nous von Gott entfremdet ist, anti-sozial, während
jener zunehmend sozial wird, dessen nous aus seiner Zerstreuung in sein
Herz zurückkehrt und dann aufsteigt zu Gott. Eine geheilte Person ist die
Gesundheit seines gesellschaftlichen Umfeldes.
c)
Daraus folgt, daß ein Mensch, der Träger der orthodoxen Spiritualität ist,
innerlich integriert ist. Er erliegt nicht der Tyrannei der Gedanken-Logismoi.
Und es ist wohlbekannt, daß logismoi furchtbare psychologische Probleme
hervorrufen und den Menschen in den Wahnsinn treiben können.
Wenn
wir von logismoi sprechen, meinen wir damit nicht einfach nur Gedanken,
sondern jene rationalen [d. h. durchaus vernünftig erscheinenden] Suggestionen,
die mit Bildern und Anregungen verbunden sind, die durch Sicht oder Gehör oder
beides zusammen verursacht sind. Logismoi sind daher Bilder und
Anregungen mit einem inneren Vorschlag [Suggestionen, „Eingebungen“]. Zum
Beispiel kommt uns ein Bild in den Sinn, das mit Ruhm, Reichtum oder Genuß zu
tun hat. Dieses Bild wird von einem Gedanken begleitet: „Wenn du dies und das
tust, wirst du Ruhm oder Geld gewinnen – du wirst sehr mächtig sein.“
Solche Rationalisierungen werden logismoi genannt, und durch ihre
suggestive Macht kann sich die Sünde entwickeln.
„Verbindung“
bedeutet, wenn der Mensch mit dem logismos ein Gespräch beginnt, aber
noch zögert, ob er oder ob er nicht entsprechend handeln soll. „Zustimmung“
ist ein Schritt weiter als bloße „Verbindung“. Der Mensch entscheidet sich,
dem bestimmten logismos entsprechend zu handeln. Das Verlangen nimmt am
Prozeß teil und bewirkt das Begehen der Sünde. Wiederholte sündige Handlungen
lassen eine Leidenschaft entstehen. Im Stadium der Verbindung strebt der logismos
danach, zum Genuß anzuregen, um den nous gefangenzunehmen und im
weiteren Verlauf den Menschen zu versklaven.
Gemäß
den Heiligen Vätern sind die logismoi entweder einfach oder komplex. Ein
einfacher logismos ist nicht zwanghaft, während ein komplexer Gedanke
mit Leidenschaft verbunden und ein Begriff ist.
Der hl. Maximos unterscheidet zwischen Leidenschaft, Begriff und Objekt.
Gott ist demzufolge ein „Objekt“, wie auch eine Frau oder ein Mann. Die
einfache Erinnerung an ein Objekt ist ein Begriff, und Leidenschaft ist
irrationale Liebe oder zufälliger Haß, angeheftet an den Begriff eines
bestimmten Objekts.
Logismoi
entwickeln sich zu Sünde und Leidenschaft. Die Leidenschaft geht nicht nur
aus den logismoi hervor, sondern wird durch sie auch gestärkt. Sie
treibt machtvolle Wurzeln hervor, und dann erfährt der Mensch große
Schwierigkeiten in seinem eigenen Wandlungsprozeß. Die logismoi lassen
den Menschen buchstäblich zerfallen. Sie vergiften und beschmutzen die Seele. Logismoi
bringen Aufruhr in die Fähigkeiten der Seele. Die Heiligen Väter führen
nicht nur die Stürze eines Menschen auf die logismoi zurück, sondern
beschreiben auch die von ihnen verursachten Störungen in den
zwischenmenschlichen Beziehungen. Überdies werden viele körperliche
Krankheiten durch die uneingeschränkte Anwesenheit von logismoi hervorgerufen.
Vor allem aber verliert der Mensch, der von logismoi besessen ist, seine
Offenheit und innige Gemeinschaft mit Gott.
Wer
auch immer dem Pfad der Heilung auf richtige Weise folgt, wird frei von logismoi;
er wird innerlich ausgeglichen und verhält sich normal. Er quält weder sich
noch andere. Dies ist sehr bedeutsam, denn wenn wir Menschen beobachten, die
seelisch unausgeglichen sind, können wir klar erkennen, daß sie von fixen
Ideen und Gedankenmustern besessen und unfähig sind, sich von ihnen zu
befreien.
d)
Neptisches Leben ist soziales Leben; und es ist in der Tat in hervorragendem Maße
soziales Leben, denn es verhilft dem Menschen, die natürlichen Fähigkeiten
seiner Seele zurückzugewinnen, und von diesem Punkt an „gemäß der Natur“
(d. h. so, wie es der Absicht Gottes entspricht) zu leben.
In
den Lehren der Heiligen Väter sind die Leidenschaften keine äußeren Kräfte,
die in uns hineingelangen und ausgetilgt werden müssen, sondern sie stellen
verzerrte Energien der Seele dar und bedürfen der Verwandlung.
Die
Seele des Menschen ist, was die Leidenschaften betrifft, in drei Fähigkeiten
unterteilt: das Denkvermögen (Vernunft), das Begehren (Wünschen) und die
Erregbarkeit (affektive Kraft). Diese drei Fähigkeiten müssen auf Gott
ausgerichtet sein. Wenn sie sich von Ihm abwenden, werden sie zu dem, was man
Leidenschaft nennt. Aus diesem Grund ist Leidenschaft die Bewegung der Seele
entgegen der Natur.
Der
hl. Johannes der Sinait macht dies recht klar, indem er einige Beispiele
verwendet. Eheliche Beziehungen sind hinsichtlich der Fortpflanzung natürlich;
der jetzige Mensch aber hat ihre Bedeutung in etwas Banales verkehrt. Zorn ist
natürlich, wenn er gegen den Bösen [d. h. den Teufel] gerichtet ist, wir
jedoch verwenden ihn gegen unsere Brüder. Eifersucht ist natürlich, solange
das, was sie begehrt und nachahmt, die Tugenden der Heiligen sind. Aber auch sie
wird gegen unsere Brüder verwendet.
Es
ist uns der Wunsch nach Ehre zu eigen, vorausgesetzt, das Reich des Himmels wird
gesucht, aber unglücklicherweise erstreckt sich dieses Verlangen auf triviale,
zeitliche und weltliche Dinge. Stolz, verbunden mit Ehre, ist natürlich, wenn
er sich gegen die Dämonen richtet; Freude ist natürlich, wenn sie in Christo
ist. Wir haben von Gott auch Groll empfangen, um ihn gegen die Dämonen zu
richten. Wir haben die Neigung zu wahrer „Extravaganz“, die mit dem
Verlangen nach dem Wert der Ewigkeit verbunden ist. Jetzt aber verkehren wir sie
in Vergeudung. So sind die Leidenschaften die Bewegungen der Fähigkeiten der
Seele, wenn sie entgegen der Natur angewendet werden.
In
der Perspektive der orthodoxen Spiritualität erlangt der Mensch die Liebe zu
Gott und die Liebe zu den Menschen, wenn er von der Selbsttäuschung, welche
Weltlichkeit, Habgier und Ruhmsucht hervorbringt, befreit ist. Er liebt dann die
anderen wirklich. Er sieht in jedem Menschen das Bildnis Gottes. Und aus diesem
Grund wird er authentisch und sozial. Wer kann die Tatsache abstreiten, daß es
der Mensch selbst ist, der die sozialen Institutionen verdirbt, und wiederum
diese verderbten sozialen Institutionen die Menschen dann um so mehr
verunstalten. Wenn eine krankhafte Person eine Autoritätsstellung einnimmt,
schafft sie enorme soziale Probleme.
Eine
Ausnahme bildet, wer in der hesychastischen Tradition lebt. Da er selbst
verwandelt ist, wird er zum Trostspender für andere, die Probleme haben und von
ihnen gequält werden.
e)
Eines der größten existentiellen wie auch sozialen Probleme ist der Tod. Er
belastet jeden durch sein bloßes Vorhandensein, oder wenn er uns Nahestehende
trifft. Der Tod ist schrecklich für den Menschen, weil er die Einheit zwischen
der Seele und dem Körper und die Einheit mit den geliebten Menschen zerreißt.
Er ist die Quelle der Sünde. Nicht nur ist er das Ergebnis der Sünde, sondern
er verursacht auch Sünde.
Der
Mensch ist sterblich und vergänglich geboren. Folglich muß er unweigerlich den
Erfordernissen von Krankheiten und der Möglichkeit des Todes ins Angesicht
schauen, welche definitiv große Ungewißheit mit sich bringen. Der Mensch erfährt
tatsächlich den Tod, wenn er versucht, in seinem Leben Erfolg zu haben, sich
einen Namen zu machen, eine Menge Geld zu verdienen, bei den besten
Versicherungsgesellschaften versichert zu sein oder von den Menschen gemocht zu
werden.
Daher
soll die Sünde euren sterblichen Leib nicht mehr beherrschen, und seinen
Begierden sollt ihr nicht gehorchen (Röm 6,12).
Der
Stachel des Todes aber ist die Sünde (1 Kor 15,56).
Ich
sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das mit dem Gesetz meiner
Vernunft im Widerstreit liegt, und mich gefangenhält im Gesetz der Sünde, von
dem meine Glieder beherrscht werden. Ich elender Mensch!
Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten? (Röm 7,23-24).
Eine
andere Folge des Zerfalls und der Sterblichkeit in unserer Natur ist die
Leidenschaft der Habgier und die Liebe zu Besitztümern. Wenn der Mensch die
Tragödie des Todes in seiner näheren Umgebung erfährt, indem er eine von ihm
geliebte Person verliert, empfindet er ihre Auswirkung. Er fällt in
Verzweiflung und Depression.
Die
Tragödie des Todes wird intensiver, je mehr der Mensch spürt, daß er selbst
sich ihm ständig nähert. Wenn er nicht an Gott glaubt, ist es schwierig, die
schmerzhaften Momente, die folgen werden, auszuhalten.
Der
Christ jedoch, der im asketischen und sakramentalen Leben der orthodoxen
Spiritualität lebt, überwindet die Sterblichkeit. Durch die Taufe und die
heilige Kommunion bewegt er sich über seine biologische Existenz hinaus und
erlangt die wohlbekannte spirituelle Hypostase. Er hat Gemeinschaft mit den
Heiligen, ist sich der Existenz der Triumphierenden Kirche bewußt, und auch
dessen, daß der Tod durch die Auferstehung Christi überwunden wurde. Er weiß,
daß es noch ein anderes Leben gibt, in das er eingehen wird, um ewig in der
Liebe Gottes zu leben, jenseits der Sterblichkeit und des Zerfalls. Er weiß
auch, daß die Leiber auferstehen werden.
Einige
Menschen behaupten, daß die Kirche nicht an irgend welchen sozialen
Unternehmungen beteiligt sei. Dies ist nicht wahr, denn die Kirche vollbringt
ein reiches und vielfältiges soziales Werk. Wenn wir sorgfältig untersuchen, werden wir feststellen, daß
die lokalen Erzbischöfe und Priester verschiedene Programme zur Unterstützung
der Armen, Verlassenen, Alten, Kranken und Waisenkinder entwickeln. Davon
abgesehen jedoch müssen wir sagen, daß das größte soziale Angebot der Kirche
ist, daß sie dafür da ist, dem Menschen zu helfen, den Tod zu überwinden.
Kann nicht der Verlust einer geliebten Person einen solchen Bruch in der Familie
verursachen, daß ihn nichts ersetzen kann? Und ist dies nicht eines der
schwerwiegendsten sozialen Probleme?
Überdies,
wie zuvor betont wurde, schaffen die Sterblichkeit und der Zerfall unserer Natur
eine Menge von sozialen Problemen, indem sie das Verlangen nach Reichtum,
Besitztümern usw. entstehen lassen. Die Kirche befreit den Menschen durch ihre
Hirten von diesen quälenden Problemen. Sie bereitet ihn vor, mit ihnen
zurechtzukommen – durch Wachsamkeit, Gelassenheit und vor allem durch den
Glauben an Gott.
Auf
dem Heiligen Berg Athos begegnet man Mönchen, die – wie alle Heiligen – den
Tod nicht fürchten. In seiner Beschreibung des Todes des hl. Antonios berichtet
der hl. Athanasios, wie der Heilige, nachdem ihn die Brüder umarmt hatten, überglücklich
seine Beine ausstreckte und „entschlief“.
f)
Der geheilte und nun gesunde Mensch pflegt alle anderen kulturellen Werte. Die
Heiligen unserer Kirche hinterließen uns ein eminentes kulturelles Erbe –
einen Sprößling ihrer geheilten Persön-lichkeit: prächtige Kirchen,
monastische Einrichtungen, zu ihrer Zeit und auch heute bekannt; Ikonographie,
wie sie von den Heutigen nicht leicht nachgebildet werden kann; hervorragende
Hymnendichtungen von außerordentlichem literarischem Wert, zusätzlich zum
tiefen Glauben und zur Hingabe, die ihr innewohnen; Musik, die von den großen
Musikwissenschaftlern unserer Zeit gepriesen wird. Der Mensch, welcher
spirituell gesund ist, bringt „gesunde“ Werke hervor – die Früchte seiner
eigenen Regeneration.
g)
Da der Träger der orthodoxen Spiritualität Gott liebt und durch seinen
erleuchteten nous die Ursachen der Wesen versteht – mit anderen Worten,
er sieht die ungeschaffene Energie Gottes in der ganzen Schöpfung – behandelt
er die Natur und die Welt auf richtige Weise. So kann man auch sagen, daß er
seinen Beitrag zur Lösung der oft erwähnten ökologischen Probleme leistet.
Heutzutage
erzeugt der Überkonsum die Forderung nach Überproduktion. Diese exzessive
Produktion hat immense Konsequenzen für die Erde, die aus diesem Grund verletzt
wird. Es ist kein Wunder,
daß eine vergewaltigte Natur die Bewohner der Erde „bestraft“. Die
Verschmutzung der Umwelt ist nicht unabhängig von den Leidenschaften der Genußsucht,
der Habgier und der Ruhmsucht. Heutzutage leidet die Natur mehr und mehr; dies
ist eine Folge davon, daß sie durch die Vorherrschaft leidenschaftlicher
Menschen unterjocht ist. Jetzt ist mehr denn je der asketische Weg von Nöten.
Die
geistlichen Übungen der Orthodoxen Kirche haben, wie zuvor beschrieben, wohltätige
Auswirkungen auf die Umwelt. Dies kann man sehen im Leben vieler Heiliger,
welche die Natur außerordentlich geachtet haben; sie liebten die Natur nicht
bloß emotional, sondern weil sie durch ihre Reinheit die Energie Gottes in
aller Schöpfung sehen konnten. Von diesen gibt es viele auf dem Heiligen Berg.
„Einmal
tötete ich ohne Notwendigkeit eine Fliege. Das arme Ding kroch, voll Schmerz
und halbzerquetscht, über den Boden, und drei ganze Tage weinte ich über meine
Grausamkeit gegenüber einem lebendigen Geschöpf, und bis auf den heutigen Tag
blieb das Ereignis in meinem Gedächtnis.
Irgendwie
geschah es, daß sich einige Fledermäuse auf dem Balkon des Lagerraumes, wo ich
war, eingenistet hatten, und ich goß kochendes Wasser über sie, und noch
einmal vergoß ich viele Tränen über dieses Vorkommnis, und seitdem habe ich
niemals mehr irgendeinem lebendigen Geschöpf Schaden zugefügt.
Eines
Tages, als ich aus dem Kloster zum Alten Russikon auf dem Hügel ging, sah ich
eine tote Schlange auf meinem Weg, die jemand in Stücke geschnitten hatte, und
jedes Stück wand sich konvulsiv, und ich war erfüllt von Mitleid für jedes
lebendige Geschöpf, für jedes leidende Ding in der Schöpfung, und ich weinte
bitter vor Gott.
Der
Geist Gottes lehrt die Seele, alles Lebendige zu lieben, so daß sie nicht
einmal einem grünen Blatt an einem Baum Schaden zufügt oder eine Blume im Feld
zertritt. So lehrt der Geist Gottes Liebe zu allen Wesen, und die Seele fühlt
Mitleid für jedes Wesen, liebt sogar ihre Feinde und bedauert sogar die Teufel,
weil sie von Gott abgefallen sind.“ (Archimandrit
Sophrony, St. Silouan the Athonite, Stavropegic Monastery of St. John the
Baptist, Essex 1991)
Überdies
ist ja bekannt, daß die Natur keinen moralischen Willen besitzt. Folglich fiel
sie nicht von sich aus, sondern wurde von den Menschen mithineingerissen in den
Verfall. Adams Sünde hatte auch für die Natur immense Konsequenzen. Aus diesem
Grund spiegelt sich die Heiligkeit oder die Sünde jedes einzelnen Menschen auch
in der Natur wider.
Daher
ist orthodoxe Spiritualität sowohl neptisch als auch sozial. Und genau deshalb,
weil sie neptisch im vollsten Sinne des Wortes ist, kann sie sozial sein. Die
gesellschaftliche Erfahrung außerhalb des neptischen Lebens ist in Wirklichkeit
unsozial.
VI.
Zusammenfassung
1.
Es ist nicht die Absicht, dieser Ausführungen, im Detail alle Aspekte der
orthodoxen Spiritualität zu analysieren. Der Text sollte einfach eine Einführung
in die Grundlagen der orthodoxen Tradition anbieten. Der Leser sollte die
Gelegenheit ergreifen, sich mit anderen Texten vertraut zu machen, um seine
Kenntnis über dieses Thema zu vertiefen.
2.
Besonders muß man hervorheben, daß der spirituelle Mensch derjenige ist, der
an den Energien des Allheiligsten Geistes teilnimmt und Anteil erhält; jener
also, der selbst ein Wohnsitz des Heiligen Geistes wird. Dies bringt keine
abstrakte, emotionale oder intellektuelle Spiritualität hervor. Der Träger der
orthodoxen Spiritualität ist auf herausragende Weise der Heilige, der durch
seine Lehren und seine Reliquien in Erscheinung tritt. Die nicht-spirituelle
Person, die des Heiligen Geistes beraubt ist, stellt den psychischen und
fleischlichen Menschen dar.
3.
Genau diese Unterscheidung weist auf den Unterschied zwischen orthodoxer
Spiritualität und anderen „Spiritualitäten“ hin. Orthodoxe Spiritualität
unterscheidet sich beträchtlich von den „Spiritualitäten“ des Ostens und
Westens. Der Unterschied im Dogma bringt gleichermaßen den Unterschied im Ethos
hervor. Das Wesen der orthodoxen Spiritualität liegt in ihren therapeutischen
Wirkungen. Sie heilt die Krankheiten der Person und führt den Menschen zur
Integration seiner Persönlichkeit.
4.
Was an erster und wichtigster Stelle geheilt wird, ist das Herz des Menschen,
welches das Zentrum seines ganzen Wesens bildet. Mit anderen Worten: Es geht
nicht nur um die Behandlung der sichtbaren Zeichen der Krankheiten, sondern um
die Heilung des inneren Selbst – des Herzens. Solange der Mensch krank ist,
ist sein nous mittels der Sinne in die Welt hinein verstreut. Er
identifiziert sich mit dem Verstand (Intellekt), und daher muß er zurückkehren,
um wieder im Herzen zu wohnen – und dies ist das Werk der orthodoxen
Spiritualität. Die Orthodoxe Kirche wird genau aus diesem Grund als Krankenhaus
bezeichnet, als Klinik der Seele.
5.
Die Orthodoxe Kirche betont jedoch nicht nur die Notwendigkeit der Heilung; sie
umreißt auch die Mittel, durch welche sie erlangt wird. Da der nous und
das Herz des Menschen unrein sind, muß er erfolgreich die drei Stadien des
Wachstums im geistlichen Leben durchlaufen: Reinigung des Herzens, Erleuchtung
des nous und theosis. Orthodoxie ist nicht wie Philosophie. Sie
ist enger mit den angewandten Wissenschaften verwandt, hauptsächlich mit der
Medizin. Dies ist in Hinblick darauf zu sehen, daß die Heilbehandlung in der
Orthodoxen Kirche durch ihre Resultate erhärtet werden kann. Diese drei Stadien
des geistlichen Lebens sind in Wahrheit die Teilnahme an den reinigenden,
erleuchtenden und vergöttlichenden Energien Gottes, denn sie werden durch göttliche
Gnade erlangt.
6.
Abgesehen von dieser Unterscheidung bezüglich des geistlichen Lebens
(Reinigung, Erleuchtung, Vergöttlichung) gibt es jene in praxis und
theoria. Diese bezieht sich nicht auf eine andere Kategorie, sondern auf
dieselbe, denn praxis bezeichnet Katharsis (Läuterung) und Reue (Buße),
während theoria Erleuchtung des nous und theosis ist.
7.
Die Heilung der ganzen Person – das wesentliche Ziel der orthodoxen
Spiritualität – wird durch die Sakramente der Kirche und durch die Praxis des
asketischen Lebens bewirkt. Ein Bruch in der Verbindung zwischen den Sakramenten
und der Askese führt zum anmaßenden Moralisieren oder zu völliger
Verweltlichung.
8.
Genausowenig besteht eine Trennung zwischen neptischer und sozialer Theologie;
auch die Heiligen Väter sind nicht in neptische und soziale Theologen zu
unterscheiden. „Gesunde“ Gemeinschaftsfähigkeit ist eine Folge des
neptischen Lebens, und nepsis (Wachsamkeit) ist die Grundlage echter
Gemeinschaftsfähigkeit. Die Befreiung der Seele von logismoi,
Leidenschaften und der Tyrannei des Todes bringt einen psychologisch wie auch
sozial ausgeglichenen Menschen hervor. Auf diese Weise werden alle sozialen,
politischen, öko-logischen und familiären Probleme gelöst.
9.
In der orthodoxen Tradition gibt es keinen klaren Unterschied zwischen Mönchen
und Nonnen auf der einen Seite und Verheirateten auf der anderen Seite; auch
sind keine unterschiedliche Verpflichtungen oder Richtlinien für jede Gruppe
niedergelegt worden. Alle können und sollten Christi Gebote in ihrem Leben
halten. Mönche und Nonnen einerseits und Verheiratete andererseits
unter-scheiden sich einfach nur durch den Ort und durch das Ausmaß ihrer
geistlichen Praxis; das Ziel ist dasselbe. Alle sind berufen, dem Pfad zu
folgen, der zur Ähnlichkeit mit Gott führt.
10.
Orthodoxe Spiritualität ist christozentrisch, weil die hypostatische Einheit
der göttlichen und menschlichen Natur in Christus vollbracht wurde, unteilbar,
untrennbar und ohne Vermischung oder Wandlung. Deshalb ist Christus die einzige
Arznei der Krankheiten des Menschen. Da Christus nicht unabhängig von den
anderen Personen der Heiligen Dreiheit und von der Kirche, die Sein Leib ist,
betrachtet werden kann, ist im Kern orthodoxe Spiritualität gleichzeitig
trinitarisch und ekklesiastisch.
11.
Im spirituellen Krankenhaus der Orthodoxen Kirche ist die Methode der Heilung
der ganzen Person aufbewahrt. Auch heute noch gibt es Christen, die die Stadien
des geistlichen Lebens – Reinigung, Erleuchtung, Vergöttlichung – leben.
Auf dieser Grundlage sehen wir den Beitrag der Orthodoxen Kirche und der
orthodoxen Spiritualität. Der Mensch, der geheilt wurde, löst mit einem Schlag
all seine existentiellen und sozialen Probleme.
Aus:
Der Schmale Pfad,
Band 7 März/April 2004. Orthodoxe Spiritualität ist eine Übersetzung
einiger Kapitel des umfangreicheren Werkes Orthodox Spirituality von
Metropolit Hierotheos, wobei die Zählung der Kapitel verändert und mit römischen
Ziffern versehen wurde.
Website:
www.pelagia.org